Über Hoffnung

"Luftboot" von Hilde Seyboth am Ammersee Skulpturenweg

Wenn ich mit anderen Leuten über das Weltgeschehen rede, höre ich oft einen großen Pessimismus. Das würde nie etwas werden mit Frieden, zu tief und verwurzelt seien die Feindschaften.
Sunniten und Schiiten, Russen und Ukrainer, Türken und Kurden, überall würden die Gewalttaten der Vergangenheit die Hoffnung auf Frieden für immer zerstören. Ich bin da optimistischer, und direkt vor der Haustüre habe ich ein schönes Beispiel dafür, wie Hass überwunden werden kann. Ich meine die Freundschaft zwischen Schondorf und der italienischen Gemeinde Boves.

Besuch aus dem Piemont

Boves ist eine Gemeinde im italienischen Piemont. Letztes Jahr besuchte unser Bürgermeister mit einer Delegation das Städtchen, und es wurde ein Freundschaftsabkommen unterzeichnet. Heuer werden die Gäste aus Italien zum Maibaumaufstellen an den Ammersee kommen. Soweit noch nichts Ungewöhnliches.
Sehr ungewöhnlich wird es aber, wenn man die Vorgeschichte kennt, wieso es überhaupt einen Kontakt zwischen Boves und Schondorf gibt. Das Ganze beginnt nämlich mit einem Kriegsverbrechen.

Das Massaker von Boves

In der Herbstausgabe 2015 der Gemeindezeitung Einhorn (Link zum Pdf) ist das ausführlich beschrieben, darum hier nur eine Kurzfassung. Im September 1943 wurden bei einer Racheaktion der Nazitruppen in Boves 20 Zivilisten ermordet und 350 Häuser im Ort niedergebrannt. Der dafür verantwortliche SS-Obersturmbannführer ist in Schondorf begraben.

Die Scuola di Pace

In Boves wurde 1983 die Scuola di Pace (Friedensschule) gegründet, um die Vergangenheit aufzuarbeiten, und eine neue Generation unter der die Idee von Frieden und Aussöhnung zu erziehen.
So kamen 2013 erstmals Mitglieder der Kirchengemeinde von Boves nach Schondorf, und im Jahr darauf gab es den Gegenbesuch der Schondorfer Pfarrgemeinde. Aus dem kirchlichen entwickelte sich ein politischer Dialog. Im April 2015 kamen der Bürgermeister und Vertreter des Gemeinderates von Boves an den Ammersee, und sprachen nun ihrerseits eine Einladung aus.

Gemeinsamer Friedensmarsch

Bürgermeister Alexander Herrmann und die Gemeinderäte Helga Gall, Kurt Bergmaier und Martin Wagner fuhren nicht an einem beliebigen Tag ins Piemont. Sie kamen zum 19. September, dem Jahrestag des Massakers, nahmen an den Feierlichkeiten teil, und auch am traditionellen Friedensmarsch.
20 Zivilisten wurden damals ermordet, das Dorf in Brand gesteckt, und die Feuerwehr mit vorgehaltener Waffe am löschen gehindert. Ich kann mir vorstellen, wieviel Zorn und Wut auf „die Deutschen“ es gegeben hat. Zwei ehemalige Partisanenkämpfer leben noch in Boves, dazu sicher auch einige, die diese Ereignisse als Kinder erlebt haben.

Versöhnung ist möglich

Trotzdem haben die Bürger von Boves die Hand zur Versöhnung ausgestreckt – eine Geste von beeindruckender menschlicher Größe.
Die beiden Gemeinden haben ein Freundschaftsabkommen unterzeichnet und zum Aufstellen des Maibaums werden heuer Besucher aus Boves nach Schondorf kommen.
Ich komme auf die am Anfang angesprochene Hoffnung zurück: Das Beispiel von Boves zeigt, dass Vergebung möglich ist. „Keine Zukunft ohne Versöhnung“ – dieses Wort von Desmond Tutu ist das Motto der Scuola di Pace. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Dank Versöhnung kann es eine Zukunft geben. Nicht nur für Boves und Schondorf, sondern auch für die vielen anderen Konfliktgebiete auf der Welt. Ich bleibe optimistisch.

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