Noch einmal Pfitzner

Denkmal für Hans Pfitzner in Schondorf am Ammersee

Am 9. April hatte ich über die Hans-Pfitzner-Strasse und das Denkmal des Komponisten in der Schondorfer Seeanlage geschrieben. Pfitzner ist wegen seiner Rolle im Dritten Reich eine umstrittene Persönlichkeit, und ich hatte damals gefragt: „Passt das hierher?
Zu diesem Beitrag hat Blog-Leser Rainer Jünger einen sehr ausführlichen Kommentar verfasst, den ich hier ungekürzt wiedergebe und mit ein paar Gedanken kommentiere.

Das Urteil der Geschichtsschreibung

Wer neu in dem Thema ist, kann hier den ursprünglichen Beitrag nachlesen.
Kommentar von Rainer Jünger vom 19. 7. 2016:

Pfitzner war ein Künstler. Die Gemeinde hat ihn für sein künstlerisches Werk geehrt nicht für seine politische Einstellung. Das muss man bei der Diskussion herausstellen, auch ist es wichtig festzuhalten, dass die Geschichtsschreibung sich über das Urteil zu Pfitzner offenbar noch nicht einig ist, also wie aktiv seine Rolle in der NS Zeit war oder ob er eher ein Anerkennung suchender Mittläufer war. Gleich mal vorweg: sollten die Historiker zu dem Schluss kommen, dass er tatsächlich ein Nazi und Antisemit war, ist dies zu verurteilen. Aber sollte man immer gleich die ganze Erinnerung „auslöschen“?“

Leopold Ploner: Diese abschließende historische Betrachtung sehe ich schon als gegeben. Die Untersuchung „Pfitzner und der Nationalsozialismus“ von Sabine Busch-Frank ist bereits vor 15 Jahren erschienen. Es ist also unwahrscheinlich, dass die Geschichtsforschung noch unbekannte Fakten entdecken wird.
In Münster hat sich eine Kommission mit renommierten Historikern über ein Jahr lang mit dem Thema beschäftigt und ebenfalls keine neuen Aspekte gefunden.

Rainer Jünger: „Schauen wir in die Kreisstadt nach Landsberg. Dort gibt es einen Hindenburg Ring. Hindenburg gilt als der „Steigbügelhalter“ Hitlers, trotzdem ist die Straße nach ihm benannt. Er war Generalfeldmarschall und Politiker – nicht Musiker wie Pfitzner – aber die Erinnerung an ihn wird trotzdem aufrechterhalten. Ist das richtig? Ich persönlich meine ja, denn er ist ein Teil unserer Geschichte. Wir fangen auch nicht an das Haus der Kunst oder den Königsplatz abzureißen, obwohl es Nazibauwerke sind. Wichtig ist für mich, dass man die Menschen / Straßennamen / Gedenktafeln in ihrem historischen Kontext kritisch sieht. So bleibt ein Stück Geschichte und Erinnerung enthalten und gleichzeitig ist Auseinandersetzung und Reflexion möglich.“

Eine historisch kritische Betrachtung

Leopold Ploner: Da bin ich mit Rainer Jünger einer Meinung. Die Geschichte sollte nicht verdrängt werden. Sie sollte vielmehr Anlass für eine kritische Auseinandersetzung sein, um historische Persönlichkeiten und Ereignisse in ihrem Kontext zu verstehen. Mir ist aber nicht klar, wie sich das bei einem Straßenschild praktisch umsetzen lässt

Ich gebe auch folgendes zu bedenken: in jüngster Zeit wird auch Bach und Luther antisemitisches Denken nachgesagt. Werden wir dann die Erinnerung daran auch auslöschen? Die Reformation in Frage stellen und Präludium und Fuge in allen Werken ausradieren? (Den Link zum Beitrag in „Die Welt“ hat mir Rainer Jünger noch nachgereicht: http://www.welt.de/kultur/article156553771/Warum-Johann-Sebastian-Bach-Antisemit-war.html) Ich möchte noch ein paar Schritt zurück in unserer Geschichte gehen. Wir Gründen unsere zivilisatorischen Wurzeln gerne auf die griechische und römische Kultur. Kürzlich waren wir mit der Familie in Rom und bei der Führung durch das Kolosseum wurde mir klar: wenn man die römische Gesellschaft unter heutigen Wertmaßstäben betrachtet, dann ist sie verabscheuungswürdig. Sklaven, Gladiatorenkämpfe, Ausbeutung, kriegerische Überfälle, Plünderung. Wurzeln auf die wir stolz sein sollen?

Leopold Ploner: Ich denke es führt zu nichts, das römische Imperium oder die Reformationszeit mit den Maßstäben von heute zu messen. Vieles, was den Menschen damals völlig normal war, erscheint uns heute grausam und barbarisch. Da liegt uns das 20. Jahrhundert natürlich wesentlich näher.
Bei Bach finde ich den Vorwurf der Judenfeindlichkeit etwas spekulativ. So wie ich den Beitrag in „Die Welt“ verstehe, wird ihm die kritiklose Vertonung einer Bibelstelle angelastet. Pfitzner dagegen hat von sich selbst stolz behauptet: „Ich habe Zeit meines Lebens in diese Kerbe gehauen, die heute als theoretische Voraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung gilt.“

Greifbare Zeugnisse der Geschichte

Rainer Jünger: „Aber ich finde man sollte die Erinnerung nicht auslöschen, denn dadurch wird auch die Entwicklung deutlich und der zeitliche Maßstab, in dem eine solche Entwicklung von Statten geht. Wir brauchen diese erfahrbaren und greifbaren Zeugnisse der Geschichte um uns herum – augenblicklich vielleicht noch mehr.
Mein Vorschlag: man sollte über das Verhalten von Pfitzner in der NS Zeit sprechen und auch die Gedenktafel erweitern, wenn die Historiker eine abschließende Betrachtung gefällt haben. Nur so ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte unmittelbar erlebbar. Vergessen sollten wir auch nicht, dass es viele Verhaltensformen gab, um durch diese dunkle Zeit der jüngsten deutschen Geschichte zu kommen. Aus der heutigen Sicht ein Urteil zu sprechen ist immer leicht und nicht jeder von uns ist als Widerstandskämpfer im Sinne von Sofi und Hans Scholl geboren. Es braucht viele historische Spiegelbilder in denen man sich selbst reflektieren kann, um zu sehen, wo man selbst gestanden hätte, den erhobenen Zeigefinger der Moral zu heben ist immer einfach.

Leopold Ploner: Hier sind wir wieder einer Meinung. Ein moralisch erhobener Zeigefinger ist nicht angebracht – eine unkritische Würdigung allerdings auch nicht.
Die Person Pfitzner’s ist sehr zwiespältig. Einerseits ein feinfühliger Komponist, der sich in seiner Oper Palestrina intensiv mit der moralischen Verantwortung des Künstlers beschäftigte. Andererseits hielt ihn seine Kultiviertheit nicht davon ab, „das unsterbliche Verdienst unseres Führers Adolf Hitler“ zu loben, und auch nach dem Krieg noch starrsinnig zu behaupten: „Das Weltjudentum ist ein Problem und zwar ein Rassenproblem.“
Dieser Zwiespalt wird nicht beim Denkmal, nicht beim Straßennamen und auch nicht auf der Website der Gemeinde thematisiert. Die Rede ist jeweils ausschließlich von dem Komponisten Pfitzner.
Wie können nun daraus die von Rainer Jünger angeregten „erfahrbaren und greifbaren Zeugnisse der Geschichte“ entstehen?

Kommentare

  1. Kürzlich habe ich einen sehr interessanten Artikel zu dem Thema gefunden, indem sich auch kritisch über das Auslöschen von Strassennamen geäußert wird:
    https://www.welt.de/print/wams/muenchen/article157880503/Blutige-Vergangenheit.html

    Ich habe daraufhin mit dem Historiker vom Münchner Stadtarchiv, Herrn Dr. Andreas Heusler Kontakt aufgenommen. Unter seiner Federführung führt die Stadt das Screenings durch, dass bis Anfang nächster Sommer angeschlossen sein wird.

    Wenn wir möchten und genug Interesse besteht, dann würde er auch für einen Vortrag / Diskussionsveranstaltung zu uns nach Schondorf kommen.

  2. Danke für den Link, Rainer. Ein informativer Beitrag, in dem die Problematik klar angesprochen wird: "Die Benennung einer Straße nach einer Person (verkörpert) die höchstmögliche Form der Ehrung."
    Ich finde auch sehr wichtig, was Herr Heusler vom Stadtarchiv sagt, dass es nicht darum geht Vergangenes auszulöschen, sondern ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

  3. Hallo Zusammen, ich bin nicht der Meinung, dass durch Erhalt zB von Strassennamen die Geschichte aufgearbeitet wird. Da fehlt nach meiner Ansicht ein wesentlicher Faktor: der Anstoß zum Denken. Man könnte durchaus Strassennamen umbennen und in Klammer den alten Namen lassen.: zB
    Landsberger Ring (Hindenburg Ring). Aus so einem Akt nimmt man wirklich ein Hinterfragen wahr.

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