Zebrastreifen über die Staatsstrasse

Letztes Jahr haben wir ein paar Tage Urlaub in Österreich gemacht. Wir waren in der Südsteiermark, im schönen Ort Ehrenhausen. Wie auch in Schondorf, durchschneidet dort eine viel befahrenen Staatsstraße den Ortskern. Ehrenhausen hat nur etwa ein Viertel der Einwohner von Schondorf, aber über die Hauptstraße gibt es viermal soviele Zebrastreifen als hier. Es hat mich überrascht, dass in Österreich möglich ist, was bei uns anscheinend nicht geht.

Die R-FGÜ Richtlinie

In Deutschland ist natürlich genau festgelegt, wo ein Fußgängerüberweg, also ein Zebrastreifen auf die Straße gemalt werden kann. Das regeln die Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen, kurz R-FGÜ von 2001. Eine gute Beschreibung findet sich auf: http://www.geh-recht.info/fussverkehrsanlagen/42-fussverkehrsanlagen/fussverkehrsanlagen/147-fa-fussgaengerueberwege-zebrastreifen.html

Offensichtlich ist es dabei besonders wichtig, dass der motorisierte Verkehr möglichst ungestört fließen kann. Zebrastreifen gibt es nur, wenn sie oft genug benutzt werden.

Ungestörter Autoverkehr

Für einen Fußgängerüberweg muss es im Verhältnis zum Autoverkehr genug Menschen geben, die zu Fuß gehen. Die Staatsstraße 2055, die als Greifenberger und Uttingerstraße durch Schondorf verläuft, ist viel befahren. Man zählt hier fast 14.000 Autos pro Tag. Um einen Zebrastreifen einzurichten, müsste er von rund 100 Menschen pro Stunde genutzt werden.

Ein paar Dutzend Kinder auf dem Schulweg oder einige Rentner auf dem Weg zum Einkaufen reichen nicht. Die haben dann eben Pech gehabt. An solchen Zählungen scheiterte in Schondorf der Versuch, an der Einmündung der Schulstraße eine Fußgängerampel zu installieren.

St2055 durch Schondorf

Man sieht schon, wie sehr die Verkehrsplanung bei uns auf das Auto fixiert ist. Der motorisierte Verkehr soll möglichst wenig behindert werden. Wer zu Fuß unterwegs ist, muss sich unterordnen. Als Trostpflaster gibt es an manchen Stellen eine Querungshilfe mit Mittelinsel. Damit kann man die Straße immerhin in zwei Abschnitten überqueren. Vorfahrt haben aber auch hier (natürlich) die Autos.

Vorrang für Fußgänger

In Österreich scheint das anders geregelt zu sein. Die Bundesstraße B69 durch Ehrenhausen ist ähnlich stark befahren wie die Uttingerstraße bei uns. Bei einem Espresso im Straßencafe habe ich 15 Autos pro Minute gezählt. Trotzdem gibt es in dem kleinen Ort vier Zebrastreifen über die Staatsstraße. Wenn ich mich nicht irre, sind das genauso viele, wie am ganzen Ammersee über die St2055.

Wird der Autoverkehr dadurch übermäßig behindert? Den Eindruck hatte ich nicht. Die Bundesstraße durch Ehrenhausen ist verhältnismäßig schmal, mit zwei engen, rechtwinkligen Kurven. Größere LKW kommen da ohnehin nur langsam durch. Außerdem wird natürlich auch hier manchmal zum Aussteigen angehalten, in Nebenstraßen abgebogen, oder in eine Lücke eingeparkt. Die vier Zebrastreifen verlangsamen den Verkehr nicht merklich.

Dafür war für mich als Fußgänger das Überqueren der Straße völlig problemlos. Dabei ist mir auch aufgefallen, dass die österreichischen Autofahrer anders auf Zebrastreifen reagieren. Sobald sich jemand dem Überweg nähert, wird erst einmal abgebremst. Ich habe kein einziges Mal beobachtet, dass noch schnell durchgefahren wird, während jemand schon den ersten Schritt auf den Zebrastreifen macht.

Ob das nicht auch bei uns ginge, mehr Zebrastreifen und mehr Rücksichtsnahme?

Kommentare

  1. Nicole

    Lieber Leopold, die Sache „Hauptstraße durch den Ort“ in Schondorf war eine der ersten Dinge, die mir, als wir vor zehn Jahren nach Schondorf zogen, auffielen. Nun ist es nicht so schlimm wie in Garmisch oder Oberau, aber dennoch ist der Durchgangsverkehr manchmal unerträglich (v.a. an der Eisiele…). Als ich mal bei „oberer Stelle“ anmerkte, ob nicht wenigstens beim Edeka noch ein Zebrastreifen möglich wäre, wurde mit mitleidigem Lächeln mir erklärt, dass ja durch die Bahnschranken viel Verkehrsberuhigung stattfände. Ich war sprachlos.
    Was mir auch noch eben einfiel, ist die Absenkung des Bordsteins an der einzigen(!) Drückampel, damit Busse und LKWs besser rangieren können. Sehr passend. 🙁
    Leider leben wir in dem europäischen Staat mit der großen Automobilindustrie. Und das bedeutet Arbeitsplätze und viel Geld. Vermutlich haben wir als Autonation deswegen vieles dem Verkehr untergeordnet.
    Ich würde mir neue Mobilitätskonzepte und Alternativen zu Autos wünschen. Und da tut sich auch was. 🙂 Wir müssen dranbleiben.

  2. Martina Deissinger

    Lieber Leopold, in diesem Zusammenhang drängt sich mir wieder mal die Frage auf, warum eine völlig „overengineerte“ Ampelanlage am nördlichen Bahnübergang nicht als Behinderung des Verkehrsflusses gesehen wird, aber eine potentielle „Drückampel“ am südlichen Ortsende, die nur bei Bedarf geschaltet wäre und Füssgängern eine sichere Überquerung der Staatsstrasse ermöglichen würde, als komplett indiskutabel gilt…?!🤔
    Manche Dinge entbehren leider jeglicher Logik und sind mit gesundem Menschenverstand nicht zu fassen….

  3. Wolfgang Schraml

    Lieber Leopold,
    Deine Erfahrungen aus Österreich konnten wir im letzten Herbst auch anlässlich unseres Besuchs in Boves, Italien feststellen. In allen Gemeinden gibt es eine Vielzahl von Zebrastreifen. Teilweise alle 100 – 200 m einen Neuen. Auch hier stoppen alle Autofahrer
    sofort. Die Fußgänger haben Vorrang und es scheint nicht so, dass den Autofahrern eine Zacke aus der Krone fällt wenn sie einen Fußgänger über die Straße lassen müssen. Bei uns wird die Sache ja seit Jahren erfolglos im Gemeinderat diskutiert. Aber es scheitert immer wieder an der unnachgiebigen Haltung des zuständigen Straßenbauamt in Weilheim! Neuerdings leider auch an den CSU-Gemeinderäten, die einstimmig einen vom Bürgermeister vorgeschlagenen Architektenwettbewerb zur Planung einer echten Ortsmitte im Bereich zwischen westlicher Bahnhofstraße und Staatsstraße blockiert haben. Sie haben dadurch auch die Schaffung einer Basis für die sicherlich schwierigen Verhandlungen mit dem Straßenbauamt verhindert. Wenn die Zielsetzung einer Aufwertung des Fußgänger- und Radverkehrs umgesetzt worden wäre, wäre die notwendige Argumentation über die zu erwartende Fußgängeranzahl und deren Sicherheit bestimmt leichter gefallen. Aber so soll es leider nicht kommen. Vielleicht wird der nächste Gemeinderat die Interessen Schondorfs eher erkennen und parteipolitische Motive hintan stellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.