Die schlaflose Vernunft

Rund 100 Menschen haben die Aufführungen von Die blondierte Stierin des Theaterkollektivs ELLE gesehen. Durch die Vielzahl der Bilder und Assoziationen werden wahrscheinlich 100 verschiedene Deutungen dieses Stücks entstanden sein. Für mich selbst war das zentrale Motiv die stets ruhelose, schlaflose Vernunft, die unsere Welt beherrscht.

Was gebiert Ungeheuer?

Ein bekanntes Bild von Goya trägt den Titel Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Der Philosoph Gilles Deleuze widersprach dem. Es sei nicht der Schlaf, der die Monster hervorbringt, sondern im Gegenteil die immer wachsame, schlaflose Vernunft. Die Theaterperformance Die blondierte Stierin habe ich als eine Auseinandersetzung mit dieser stets wachen Rationalität erlebt.

Ticket zur Milchstraße

Der Beginn der Reise am Schondorfer Bahnhof stand ganz im Zeichen der Entschleunigung. Der Fahrkartenverkauf für den Milky Way Express und die Ausgabe unserer Ausrüstung verlief in meditativer Langsamkeit. Deshalb verging gut eine Dreiviertelstunde, bis wir reisebereit waren.

Bahntickets zur Milchstrasse

Dann verließen wir 15 Zuschauer die reale Welt und stiegen als seltsame Aliens in die Regionalbahn, für uns der Milky Way Express. Eine Frau im Zug wurde bei unserem Anblick sichtlich nervös. Sie rutschte auf ihrem Sitz immer weiter von uns weg, bis sie fast schon am Waggonfenster klebte.

Wir gaben tatsächlich ein seltsames Bild ab. Eingekleidet mit einheitlichen Gummistiefeln und einem Umhang, der mit QR-Code und (auf den ersten Blick) unverständlichen Zeichen bedruckt war. Dazu hatten wir auch noch unförmige Schaumstoffhände übergestülpt.

Die Zugreisende war sichtlich erleichtert, dass wir in Utting ausgestiegen sind.

AT2018cow und Reptiloiden

In Utting erwartete uns eine herrlich überdrehte Fremdenführerin, die unsere Truppe zu „ihr“ bringen sollte. Wer „sie“ sei blieb unklar, genauso wie der Weg dorthin. Der führte kreuz und quer durch Summerpark und Seeufer, beziehungsweise – wie in der Einladung angekündigt – vom Erdinneren zum Sternenstaub. Die von Deleuze beklagte schlaflose Vernunft wurde in einen tiefen Traum geschickt.

Die blondierte Stierin am Ammersee
Was wird da aus dem Ammersee gezogen? (Photo © Alina Reisenthel)

Wir haben mit Spitzhacken nach unterirdischen Reptiloiden gegraben und begleiteten das Auftauchen eines geheimnisvollen Wesens aus dem Ammersee mit Plastiktrompeten. Wir begegneten den heiligen drei Königen und verfolgten ein erotisch aufgeladenes Streitgespräch über die galaktische Explosion AT2018cow, einen rätselhafte Lichtausbruch im Sternbild des Herkules.

Ich zähle jetzt nicht die einzelnen Stationen auf, denn dazu gibt es schon sehr schöne Beschreibungen, zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/improvisationstheater-am-ammersee-wenn-zuschauer-zu-schauspielern-werden-1.4555378

Arecibo-Botschaft

Arecibo Botschaft als symbol einer schlaflosen VernunftZwischendurch haben wir auch erfahren, dass die mysteriöse Grafik auf unseren Umhängen die sogenannte Arecibo-Botschaft darstellt. Das Radioteleskop in Arecibo, Puerto Rico strahlte dieses Signal 1974 ins Weltall. Es sollte Außerirdischen Informationen über die Biologie des Menschen, den Planeten Erde und die Herkunft des Signals übermitteln.

Gerichtet war das Signal an eine Galaxie im Sternbild Herkules. Das ist jenes Sternbild, in dem jetzt die oben erwähnte galaktische Explosion AT2018cow beobachtet wurde. Übrigens nennen viele Astronomen AT2018cow wegen des „cow“ einfach „die Kuh“.

Die Stierin spricht

Zum Finale führte uns unsere Reiseleiterin in die stockfinster abgedunkelte Güterhalle am Uttinger Bahnhof. Wir saßen im Kreis und hörten endlich „sie“, die Stierin, vielleicht die ägyptische Kuhgöttin Bat, die Erschafferin der Milchstraße und des Universums.

Ruhig und bedächtig – von Wiederkäuer-Schmatzen durchsetzt – erklärte sie uns, was die gnadenlos wirtschaftlich kalkulierende Rationalität mit ihrer Schöpfung anrichte. Sie sprach von bewegungslos in Käfige gepferchten Kälbern, tausendfach geshredderten Küken und von Milchkühen, die mit ihren überzüchteten Eutern nicht mehr gehen können. Diese Auswüchse einer unmoralischen Vernunft sind monströser als alle Fabelwesen, die uns im Lauf der Aufführung präsentiert worden waren.

Das dürften wir nicht einfach so hinnehmen, mahnte die Stierin. Deshalb werde sie uns jetzt für unseren Kampf gegen diese Ungerechtigkeit stärken. Von der Decke schwebte ein symbolisches Euter, bestehend aus einem Ring mit 15 Nuckelflaschen. Daraus tranken wir nun nebeneinander die Milch der Stierin. Ein Erlebnis, das alle Teilnehmenden von nun an verbindet, denn wir wurden alle von denselben Zitzen gesäugt.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.