Prolog statt Meditier

Der, die, das – Eigentlich wollte die Theatergruppe ELLE Kollektiv eine Trilogie von Stücken nach Schondorf bringen. Nach Der Erleuchthund und Die blondierte Stierin sollte heuer Das Meditier auf dem Programm stehen. Dann kam Corona und an eine Theateraufführung vor großem Publikum war nicht zu denken. Die drei haben deshalb umdisponiert und schieben 2020 einen kleinen Prolog ein.

Immersives Dorftheater

ELLE Kollektiv, das sind Elisabeth-Marie Leistikow, Luis Lüps und Louis Panizza (http://www.ellekollektiv.de/). Gemeinsam entwickeln sie Aufführungen, die sie selbst „immersives Dorftheater im südbayerischen Ammerseeland“ nennen. „Immersiv“ ist ein in der heutigen Kunstwelt arg überstrapazierter Begriff, aber hier passt er ausnahmsweise. Das Publikum ist in die Aufführungen mit eingebunden, die klassische Trennung von Bühne und Zuschauerraum gibt es nicht.

ELLE Kollektiv Erleuchthund
Der Erleuchthund

Zum ersten Mal konnten wir das 2017 in Schondorf bei Der Erleuchthund erleben (Kreativität am Ammersee). Mit Taschenlampen bewaffnet tasteten wir uns durch die dunklen Räume der ehemaligen Gärtnerei Dumbsky. Nacheinander holten Scheinwerfer einzelne Spielszenen aus der Finsternis.

Letztes Jahr war dann eine Reise zur Blondierten Stierin angesagt. Es ging mit der Bayerischen Regiobahn nach Utting, aber eigentlich tief ins Universum. Wir begegneten kosmischen Phänomenen, Reptiloiden, Wasserwesen und zum Schluss sogar einem galaktischen Kuheuter.

ELLE Kollektiv Die blondierte Stierin
Die Blondierte Stierin

Die letzten Zeugen des Urknalls

Heuer also der Prolog, laut Beschreibung ein „Stumm-Film-Theater über die drei letzten Zeugen des Urknalls“. Das ELLE Kollektiv hat sich dazu vom vielleicht berühmtesten Prolog der Theatergeschichte inspirieren lassen, der ersten Szene aus Shakespeares Macbeth.

Wann kommen wir drei uns wieder entgegen,
Im Blitz und Donner, oder im Regen?
Wenn der Wirrwarr stille schweigt,
Wer der Sieger ist, sich zeigt

Macbeth,1. Akt, 1. Szene
Plakat Der Prolog, ELLE Kollektiv

In der Ankündigung heißt es, dass wir im Prolog Zeugen werden, wie drei Wesen zusammentreffen, um ein mysteriöses Etwas an den Ammersee zu bringen. Ein Etwas, das dazu dient, Strukturen der Welt und diese wiederum mit dem Kosmos zu verbinden. Soweit die Ankündigung. Aber wie beim ELLE Kollektiv üblich, werden unsere Erwartungen wahrscheinlich völlig auf den Kopf gestellt.

Also stelle ich mal den Macbeth auf den Kopf, kümmere mich nicht um den Prolog und springe direkt zum letztem Monolog am Ende des Stücks. „Tomorrow and tomorrow and tomorrow …“

Tomorrow and tomorrow and tomorrow

Am Anfang ist Macbeth noch mitgerissen von den Prophezeiungen der drei Hexen, glaubt an Pläne, Ziele, Strukturen, an ein Etwas. Als das blutige Gemetzel vorbei ist, ist davon nichts geblieben: „Morgen, und morgen, und dann wieder morgen, kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag, zur letzten Silb‘ auf unserm Lebensblatt.“ Keine Pläne, keine Ziele, kein Fortschritt. Das könnte gerade so gut aus dem absurden Theater von Ionesco oder Beckett stammen.
In dem Song White Lily von Laurie Anderson geht es nicht um Shakespeare, sondern um Rainer Werner Fassbinder. Trotzdem trifft er für mich genau die Stimmung von Macbeths Monolog: https://youtu.be/wf0q7q9Zu5Y.

Beckett, Fassbinder und ein Pickup-Truck

ELLE Kollektiv Pickup

Hat das nun irgendwas mit dem Prolog des ELLE Kollektivs zu tun? Wahrscheinlich nicht. Nur in meinem Kopf sind nun Macbeth, Fassbinder und Samuel Beckett miteinander verknüpft. Und die verbinden sich dann bei der Aufführung mit dem Pickup-Truck, der Silvesterrakete und dem 14er Schraubenschlüssel, die beim Prolog auch irgendwie eine Rolle zu spielen scheinen.
Es wird sicher ein aufregender Abend.

ELLE Kollektiv – Der Prolog

Premiere am 2. September 2020
Weitere Vorstellungen am 3., 4. und 5. September
Beginn jeweils 21:00 Uhr
Weingartenweg 2
Schondorf am Ammersee
Karten unter 0152 3380 7669
http://ellekollektiv.de/der-prolog/

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