Bei Autos undenkbar

Die Bahnunterführung zwischen Ober- und Unterschondorf ist bis Mitte September wegen Straßenbauarbeiten gesperrt. Bei der Gelegenheit wundere ich mich – wieder einmal – ob Fußgänger und Radfahrer eigentlich Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse sind. Bis man vor der Absperrung steht, gibt es nämlich keinen Hinweis auf den blockierten Weg.

Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse

Bereits vom Schondorfer Dampfersteg gibt es Wegweiser zum Ammersee-Höhenweg. Touristen werden die Bahnhofstraße hoch geleitet, über die Uttingerstraße, und stehen dann vor der gesperrten Bahnunterführung. Ganz ähnlich ist die Situation für Radfahrer. Auch die werden von Norden kommend in die Bahnhofstraße zur Unterführung geschickt (Geht doch).

Der Fuß- und Radweg unter der Bahn ist gesperrt
Der Wegweiser zeigt auf die gesperrte Unterführung

Noch wenige Meter vor der Streckensperrung zeigt der Wegweiser nach Utting in Richtung der Unterführung. Immerhin wurden inzwischen ein paar Papierblätter angeklebt, die auf die Umfahrung hinweisen.

“Stell dich nicht so an”

Wenn ich sage, dass mich so etwas stört, dann höre ich oft: Stell’ dich doch bitte nicht so an. Unter den Einheimischen hätte sich die Sperrung längst herumgesprochen, und die Touristen würden sich schon zurechtfinden. Schließlich hat heute ohnehin jeder ein Handy mit Navigationsfunktion. Stimmt schon, aber genau das Gleiche könnte man auch bei Autos sagen.

Gesperrte Bahnunterführung in Schondorf am Ammersee
Die Bahnunterführung zwischen Ober- und Unterschondorf ist derzeit gesperrt

Ein Gedankenspiel

Stellen wir uns einfach mal vor, die St 2055 müsste an der Überführung über die A96 wegen Bauarbeiten gesperrt werden. Die Autos fahren munter den Wegweisern entlang, bis sie vor der Straßensperre stehen. Dort hängt dann ein Zettel, dass man bitte umdrehen und über Greifenberg ausweichen soll.

Der große Aufschrei

Den Aufschrei der entsetzten Autofahrer (inklusive mir selbst) kann ich mir gut vorstellen. Dabei kann man hier genauso argumentieren, wie bei den Radfahrern: Die Einheimischen wissen ohnehin von der Sperrung, und alle anderen werden dank Navi schon den richtigen Weg finden. Nein, auf Autostraßen würde man keine unerwarteten Sperren errichten. Hier würde man selbstverständlich rechtzeitig auf die Blockade hinweisen, und die Umleitungsstrecke beschildern.

Man sieht daran, wer die Verkehrsteilnehmer erster Klasse sind. Die Fußgänger und Radfahrer sind es jedenfalls nicht. Ich bin mal gespannt, ob der jetzt angelaufene Radentscheid Bayern (https://radentscheid-bayern.de/) daran etwas ändern kann.

9 Gedanken zu „Bei Autos undenkbar“

  1. Danke für den Artikel. Ich frage mich auch oft, warum nicht mehr für Fußgänger und Radfahrer getan wird. In 10 Jahren in Schondorf hat sich für die Radfahrer und Fußgänger meiner Meinung nach nichts verbessert. Gehwege sind zu eng oder nicht vorhanden. Und seit der Glasfaserverlegung ist der Asphaltzustand schlechter.
    Alle sollten beim Radentscheid unterschreiben. In Landsberg ist Thomas Jankovic (buero@gruene-ll.de) ein Ansprechpartner.

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  2. Ist die kleine Brücke zwischen Greifenberg und Schondorf eigentlich noch immer gesperrt? Wenn, dann einfach öffnen. Ich bin nicht mehr vor Ort.

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  3. Fußgänger gibt es natürlich in Schondorf. Aber Radfahrer?? O ja, jedesmal, wenn ich, am Steuer des Autos, bei Dunkelheit einen Radfahrer fast übersehen habe, wird das bestätigt. Schuld ist nicht meine Unaufmerksamkeit, sondern die Tatsache, dass diese Verkehrsteilnehmer ohne Licht unterwegs sind. Sie gehen offenbar davon aus, dass die Autoscheinwerfer genügen, um sie sichtbar zu machen. Das stimmt, aber leider sehr spät – hoffentlich nicht zu spät.

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    • Ja, das finde auch ich als Radfahrer erschreckend, wie viele bei Dunkelheit ohne Licht unterwegs sind. Vielleicht ist das ein umgekehrter Vogel-Strauss-Effekt: Weil man das Auto schon auf große Entfernung sehen kann, nimmt man fälschlicherweise an, man werde selber auch gesehen.
      Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum es überhaupt erlaubt ist Fahrräder ohne Lichtanlage zu verkaufen. Bei Autos oder Motorrädern wäre das völlig illegal.

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    • Die Schuldfrage ist hier meiner Meinung nach nicht der Kern. Aber eines ist Klar: Ein Auto ist mit dessen hohen Impuls für einen Fahrradfahrer gefährlich, nicht andersherum. Deswegen finde ich es auch absurd wenn wir Fahrradfahrer beschuldigen nicht genügend auf Autos aufzupassen. Natürlich sollten Fahrräder Licht haben, aber es sollte nicht nötig sein um nicht angefahren zu werden.

      Addendum:
      Der englische Begriff „jaywalking“ (dt.: verkehrswidriges Überqueren einer Straße) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Automobillobby der Vereinigten Staaten geprägt, um die neuen Gesetze für den Straßenverkehr, die Fußgänger erheblich einschränkte, besser umsetzen zu können. „Jay“ ist ein altmodisches Wort und bedeutet soviel wie „Depp“ oder „Tölpel“. Ein typischer Fall von Täter-Opfer Umkehr also.

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  4. Sehr schöner Beitrag, das zeigt leider wieder deutlich die Klassen-“gesellschaft“ beim Thema Mobilität!

    Gute, i.e. vor allem sichere und vom Auto getrennte Mobilität mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln ist meiner Meinung nach auch für die Entwicklung und vor allem die Unabhängigkeit von Kindern und Jugendlichen extrem wichtig.

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