Der Schondorfer Fotograf Yorck Dertinger hat sein Fotobuch über New York veröffentlicht (https://yorckdertinger.com/new-york-exhibition). Es ist ein außergewöhnlich eindrückliches und sorgfältig zusammengestelltes Buch geworden. Kein Wunder, denn er hat sich für die Veröffentlichung 30 Jahre Zeit genommen.
Eine Zeitkapsel
Zwischen 1993 und 1994 hatte der damals noch junge Yorck Dertinger die Gelegenheit, ein Jahr in New York City zu verbringen. Sein Ziel war von Anfang an klar: Er wollte die Stadt erkunden und dabei jeden Tag eine Rolle schwarz-weiß Film belichten. Keine Nachbearbeitung, kein Zuschneiden, nur der ungefilterte Eindruck des Moments.

Damals war Dertinger ein in der Szene noch weitgehend unbekannter Fotograf. Der internationale Erfolg, die legendären Aufnahmen des Künstlers Flatz, die Reportagen von den olympischen Spielen, das kam erst später. Trotzdem widerstand er der Versuchung, die Aufnahmen gewinnbringend an Zeitungsredaktionen zu verkaufen. Er hatte sich vorgenommen, die Fotos dreißig Jahre in der Schublade zu lassen.
Diese Idee der Zeitkapsel ist ein wiederkehrendes Motiv in Dertingers Arbeit. Auch sein Dorfportrait (https://studiorose.de/2021/07/05/schondorfer-portraits/) soll einmal einen Rückblick auf das Schondorf von heute ermöglichen. Im Fall des Fotobuchs über New York kann ich die Erinnerungen teilweise nachvollziehen, weil ich um die Zeit herum die Stadt ein paar mal besucht habe.
Yorck in New York
Die Metropole an der Ostküste war zu der Zeit heruntergekommen, anarchisch und auch nicht ganz ungefährlich (auch wenn ich mich in die von Dertinger fotografierten Gegenden gleich gar nicht getraut habe). Gleichzeitig war die Stadt pulsierend lebendig. Hier hatten die Ramones den Punkrock erfunden, hier konnte Neues entstehen. In Clubs wie dem CBGB hatten damals unbekannte Künstler wie Talking Heads, Dave Grohl, Blondie oder Patti Smith ihre ersten Auftritte.

Bei seinen Wanderungen durch Brooklyn oder Coney Island fing Dertinger das Gefühl brodelnder Energie mit der Kamera ein. Er fotografierte Freaks und Außenseiter, aber – im Stil des großen Robert Frank – immer mit großem Respekt vor der Person. Diese Aufnahmen kontrastiert das Buch mit Bildern von Verfall, Anonymität und Verlassenheit.
Nährboden für Kreativität
Die Stadt aus dem Fotobuch gibt es heute nicht mehr. Das CBGB musste schließen, als die Miete schlagartig vervierfacht wurde. Das durch einen Song von Leonard Cohen unsterblich gewordene Chelsea Hotel wird gerade luxussaniert. Die verrauchten Speakeasies in Brooklyn sind abgerissen und durch sündteure Appartmenthäuser ersetzt.

Das macht dieses Fotobuch über New York auch für all jene interessant, die keine eigenen nostalgischen Erinnerungen an die Stadt jener Zeit haben. Es ruft uns ins Bewusstsein, dass Kreativität nicht von Kulturbeauftragten verordnet werden kann, sondern einen bestimmten Nährboden braucht.
Buch und Bagel
Vorgestellt hat Dertinger das Buch am 2. August im Uttinger raumB1. Das läuft zwar meinem Schondorfer Lokalpatriotismus zuwider, aber ich will nachsichtig sein. Unser studioRose ist gerade ohnehin durch das Kunstprojekt Animarosae belegt (https://studiorose.de/2025/03/25/animarosae/).

Bei der Veranstaltung wurde noch ein weiterer origineller Zusammenhang zum Big Apple offensichtlich. Die wunderschöne Gestaltung des Fotobuchs stammt nämlich aus der Hand von Diana Graham. Sie betrieb in den 1990er-Jahren in New York ihr Designstudio Diagram Design, und arbeitete für Universal Studios, Mastercard, Chase Manhattan Bank und dutzende andere große Unternehmen.
Jetzt lebt sie in Schondorf und hat mit ihrem Layout einen kongenialen Rahmen für Dertingers Fotos geschaffen. Zur Präsentation brachte sie eine echte New Yorker Spezialität mit, nämlich Cream Cheese Bagel mit Räucherlachs. Das gab dem ganzen noch eine schöne Note Lokalkolorit.