Von der Ars Electronica nach Schondorf

Das Artificial Literature Laboratory war erstmals auf der diesjährigen Ars Electronica in Linz zu sehen. Eugénie Desmedt, Christine Haupt, Paul Kloker und Márton Zalka hatten den KI-Poesieautomaten speziell für diese Veranstaltung gebaut, die als weltweit wichtigstes Festival für elektronische Kunst gilt. Jetzt steht das futuristische Gerät in Schondorf, im Skriptorium (Bahnhofstraße 38), wo es täglich kleine poetische Texte ausspuckt.

Kunst, Technologie, Gesellschaft

Unter dem Motto Kunst, Technologie, Gesellschaft begleitet die Ars Electronica seit 1979 die digitale Revolution, die damals erst ganz zaghaft am Horizont dämmerte (https://ars.electronica.art/). Der Standort ist ziemlich überraschend, denn das österreichische Linz war immer als Stadt der Schwerindustrie bekannt und hatte mit Elektronik nichts am Hut. Trotzdem entwickelte sich das Festival zum führenden Ereignis der elektronischen Kunst, das regelmäßig über 100.000 Besucher anzieht.

Der KI-Textgenerator des Artificial Literature Laboratory ist zurzeit im Skriptorium in Schondorf am Ammersee aufgebaut
Die Kommandozentrale des Artificial Literature Laboratory

Es ist schon eine Ehre, dass das junge Team für diese Veranstaltung zusammen mit der Johannes Kepler Universität sein Artificial Literature Laboratory verwirklichen durfte (https://artificial-literature.at/). Und es ist etwas wirklich Besonderes, dass diese Konstruktion jetzt in Schondorf zu sehen ist. Fast so, als ob ein Gemälde von der Art Basel direkt in eine Ausstellung am Ammersee kommt.

Wie aus Raumpatrouille Orion

Was ist dieses Artificial Literature Laboratory nun eigentlich? Im Prinzip ist es ein Textgenerator mit künstlicher Intelligenz. Man gibt Stichwörter ein, und der Algorithmus verknüpft sie zu mehr oder weniger poetischen Texten.

Wie ChatGPT oder Google Genesis ist die Basis ein sogenanntes Large Language Model. Die Software läuft aber nicht in der Cloud, sondern ist lokal auf einem leistungsstarken Rechner installiert. Dieser Rechner steckt in einem Gehäuse, das direkt aus dem Kommandozentrum bei Raumpatrouille Orion stammen könnte (falls sich noch jemand an diese SciFi-Serie aus den 1960er-Jahren erinnert).

Leopold Ploner an der Artificial Literature Laboratory Maschine
Da lasse ich meinem Spieltrieb freien Lauf

Während moderne KI-Programme einfach als Fenster im Browser erscheinen, ist die Bedienung des Artificial Literature Laboratory ganz analog. Da kann man Tasten drücken, Knöpfe drehen und Schieberegler betätigen. Am Ende wird der entstandene Text richtig altmodisch auf einem Papierstreifen ausgedruckt. All das gibt dem Umgang mit der Maschine etwas Spielerisches.

Spielen mit dem Artificial Literature Laboratory

Auch die Technik im Hintergrund ist nicht auf Perfektion getrimmt. Während die Präzision von KI sonst schon etwas bedrohlich wirkt (Besserer Spam dank KI), ist diese Maschine bewusst unpräzise. Sie erfindet Kunstwörter, baut eigentlich Widersprüchliches in ihre Sätze und erfindet sich eine eigene Grammatik. Dabei kann man als Anwender eingreifen, die Themen weiter oder enger festlegen, und sogar eine bewusste Fehlerquote hinzufügen.

Slogan aus der Maschine

Nach einer kurzen Einweisung durch Paul Kloker durfte ich die Poesiemaschine ausprobieren, und es hat großen Spaß gemacht. Als Ingenieur habe ich natürlich einen technischen Spieltrieb. Andererseits bin ich aber auch immer auf der Suche nach praktischen Anwendungen. Was könnte man mit der Artificial Literature Maschine anfangen?

Nun werde ich nächstes Jahr als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Schondorfer Wählergemeinschaft bei der Gemeinderatswahl antreten (https://aloys.news/de/blog/politik/kandidaten-der-freien-waehlergemeinschaft-schondorf-stehen-fest). Da könnte sich die künstliche Intelligenz doch einen hübschen Slogan für die Wählergemeinschaft ausdenken. Ich habe Schlagwörter wie Wahl, Unparteiisch, Unabhängig und Gemeinschaft eingegeben, und das kam dabei heraus:

Per Artificial Literature KI generierter Slogan für die Freie Wählergemeinschaft Schondorf
Stimmenknoten ohne Parteispitze

Gemeinschaftsflüstern im Wahlkampf
Puzzleteile aus neutraler Feder
Stimmenknoten ohne Parteispitze
Echo von Unabhängigkeitssilben
Communities wählen ohne Grenzen( )
Knechtlose Stimmenorchester schwing{t}}}

Der Text ist recht typisch für das Artificial Literature Laboratory, mit unsinnigen Satzzeichen und Wortschöpfungen wie Gemeinschaftsflüstern oder Stimmenknoten. Wahrscheinlich wird das potenzielle Wähler nicht vom Sessel reißen, aber ich finde es einen hübschen Kontrast zu den üblichen Wahlkampfsprüchen der Parteien.

Artificial Literature Laboratory

Skriptorium, Bahnhofstraße 38
Schondorf am Ammersee
Vom 1. bis 24. Dezember im Schaufenster zu sehen
Besichtigung am 21. Dezember, 15:00 bis 18:00 Uhr
oder nach Voranmeldung unter termine@paulkloker.de

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