Schondorf mag Daniel Speck. Auf Einladung der Buchhandlung Timbooktu las der Schriftsteller am 2. März im Landheim Ammersee aus seinem neuesten Roman Villa Rivolta. Die Veranstaltung war schon ausverkauft, kaum dass die Plakate im Schaufenster bei Timbooktu hingen. Deshalb habe ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit keine Ankündigung hier im Blog geschrieben. Der Vortragssaal im Landheim war ohnehin rappelvoll.
München, Schondorf, Leipzig, Köln
Die Zuneigung beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Schon 2023 gab es in Schondorf eine Lesung mit Daniel Speck, damals aus dem Roman Yoga Town. Diesmal kam er gleich nach der Buchpremiere im Literaturhaus München an den Ammersee, bevor ihn seine Lesereise nach Leipzig und Köln weiterführte.

Um gegenseitige Anziehung geht es auch in Villa Rivolta. Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Valeria lernt als Kind den gleichaltrigen Piero kennen, Sohn der reichen Industriellenfamilie Rivolta. Später tritt Flavio in ihr Leben, Arbeitersohn und als überzeugter Kommunist entschiedener Gegner von Kapitalisten wie den Rivoltas. Soweit eine Dreiecksgeschichte mit Irrungen und Wirrungen.
Jetset und Industrieproletariat
Speck entwirft daraus aber ein Porträt der italienischen Nachkriegszeit mit ihren sozialen Spannungen. Die titelgebende Villa und die daneben liegende Fabrik der Rivoltas gibt es übrigens wirklich. Den Roman hier anzusiedeln, ist ein sehr cleverer Schachzug. Die Familie steht direkt mustergültig für den Spagat zwischen Industrieproletariat und Jetset in dieser Zeit.

Die Rivoltas bedienen nämlich beide Klassen. Einerseits bauen sie unter dem Markennamen Iso luxuriöse Renn- und Sportfahrzeuge. Diesem Hobby frönen damals viele reiche Unternehmer in Italien, man denke an Lamborghini, MV Agusta oder De Tomaso.

Der Iso Grifo war ein Traumauto zu der Zeit, als ich noch als Abc-Schütze die Schulbank drückte. Das Geld für dieses Prestigeprojekt verdienen die Rivoltas mit einem Arme-Leute-Fahrzeug, nämlich der Isetta. In Deutschland wird sie von BMW in Lizenz gebaut und entwickelt sich zum Verkaufsschlager.
Ein filmischer Erzähler

In der herrschaftlichen Villa Rivolta mit der danebenliegenden Fabrik bündeln sich die sozialen Spannungen der Wirtschaftswunderzeit nach dem Krieg wie in einem Brennglas. Dabei schreibt Daniel Speck keine langatmige Sozialstudie, sondern erzählt in kräftigen Bildern.
Bei den Dialogen könnte er meinetwegen etwas kürzen, aber die Szenen im Buch lassen unmittelbar einen Film im Kopf ablaufen. Beispielsweise, wenn Piero Rivolta in seinem Iso Grifo aus der Kurve getragen wird und sich das Auto überschlägt.
Das schildert Speck nicht als Schreckensmoment, sondern als Augenblick der Befreiung. Während er kopfüber durch die Luft segelt, erlebt Piero einen Moment der Schwerelosigkeit, ein Ausbrechen aus der schnurgeraden Autostrada des Lebens, die ihm von Geburt an vorgezeichnet ist.
Ich könnte mir Villa Rivolta sehr gut als Film vorstellen. Vielleicht mit Ana de Armas als rebellische Valeria und Jacob Elordi in der Rolle des zornigen, etwas düsteren Flavio. Mal schauen, ob Hollywood auf den Stoff aufmerksam wird.
Villa Rivolta
Roman von Daniel Speck
608 Seiten, € 25
Bei Buchhandlung Timbooktu: https://timbooktu-ammersee.de/shop/item/9783758700316/villa-rivolta-von-daniel-speck-gebundenes-buch