Anstößige Nacktheit

Wer in letzter Zeit am Schondorfer Badeplatz vorbeigekommen ist, hat vielleicht eine Veränderung bemerkt. Rund um die Dusche ist jetzt eine mannshohe Holzwand aufgebaut. Die Wände sind schneckenförmig angeordnet, sodass man beim Duschen vor aufdringlichen Blicken geschützt ist. Das erscheint mir einleuchtend. Eine Leserin hat mir aber erklärt, dass der Sichtschutz in beide Richtungen wirkt.

Wie die alten Römer

Wir sprechen hier vom Schondorfer Badeplatz am Gemeindesteg. Von jener Liegewiese also, auf der man den Grundriss des römischen Badehauses erkennen kann, das hier einmal stand (Villa Rustica in neuem Glanz). Für mich ist es die schönste Badestelle in Schondorf. Hier kann ich vom Steg aus sofort losschwimmen und muss nicht erst lange durch knietiefes Wasser waten. Außerdem mag ich die großzügige Liegewiese und den Gedanken, dass hier schon die Römer vor fast 2000 Jahren Badefreuden genossen haben.

Schutz vor neugierigen Blicken

Der Dusche habe ich bislang keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Dass sie jetzt mit einer Bretterwand verkleidet wurde, erschien mir nicht überraschend. Wahrscheinlich wollen manche Leute lieber ohne die verschwitzten Badesachen duschen, um für den Heimweg frisch und sauber zu sein. Dabei mag man vielleicht etwas Privatsphäre haben.

Der Schondorfer Badeplatz am Gemeindesteg am Ammersee
Die Liegewiese am Schondorfer Badeplatz

Eine Leserin hat mir nun erklärt, dass das nicht unbedingt der Grund für den Bau des Holzverschlags gewesen sei. Im Gegenteil, hätten sich wohl Badegäste über Nacktduscher beschwert.

Was jetzt eigentlich den Ausschlag für den Sichtschutz an der Dusche gegeben hat, weiß ich nicht. Vielleicht war es einfach ein günstiges Zusammentreffen von zwei verschiedenen Anliegen, die sich praktischerweise beide mit ein paar Holzbrettern lösen ließen.

Baden einst und heute

Etwas schmunzeln musste ich über die Idee der störenden Nackten aber schon. Vor gut 100 Jahren zählte die sinnenfrohe Nacktheit anscheinend noch zu den Anziehungspunkten des Ammersees. Das vermitteln zumindest die Badeszenen, die der Impressionist Paul Paede um diese Zeit in Schondorf gemalt hat (https://studiorose.de/2019/06/01/paul-paede-ein-deutscher-impressionist/).

Paul Paede: Badende
Paul Paede: Badende am Ammersee

Gut, die fröhliche Freikörperkultur ist vielleicht der Fantasie des Malers entsprungen oder – noch wahrscheinlicher – der Fantasie seiner Kundschaft.

O tempora, o mores!

Die Badesitten haben sich jedenfalls im Lauf der Zeit verändert. Im 19. Jahrhundert trug man noch knielange Badeanzüge. In meiner Jugend waren FKK-Urlaube völlig normal und der Austro-Popper Rainhard Fendrich landete mit dem Titel Oben ohne einen Hit (https://youtu.be/K8EEvjrjnp0?si=Wz9n_3wlQQIORmLj).

Schondorfer Geschichten: Das Strandbad Forster am Ammersee Anfang der 1940er-Jahre. Foto: Michael Sorger
Strandbad Forster ca. 1940 (Foto © Michael Sorger)

Heute hält man sich lieber wieder mehr bedeckt. Das mögen die einen als den Weg zu einem neuen Puritanismus sehen, die anderen als Rückkehr eines natürlichen Schamempfindens. Ich stelle nur die Veränderung fest, ohne es irgendwie zu werten. Solange das alles so einfach zu lösen ist, wie am Schondorfer Badeplatz, steht einem friedlichen Miteinander nichts im Weg.

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