Vom Naturell her bin ich ein Stoiker. Ich versuche, die großen Weltereignissen mit einer gewissen Gelassenheit zu sehen. Mit zunehmender Lebenserfahrung hat sich das noch verstärkt. Es gibt aber Momente, in denen ich mir denke: Wir sind alle verloren. Beispielsweise, wenn ich von der App Hitzefrei München lese. Eine App, damit ich im Sommer die schattige Straßenseite finde.
Der Glaube an die Menschheit
Je länger man lebt, desto mehr Horrornachrichten bekommt man im Lauf der Zeit zu Gesicht. Bei mir geht das von der Niederschlagung des Prager Frühlings über den Vietnamkrieg bis zu Tschernobyl und Corona.
Dazwischen waren auch noch saurer Regen und Waldsterben, BSE und Ozonloch, und Jahre, in denen über 170 Atombomben auf der Welt explodierten (1962). Bei so vielen Schreckensmeldungen stumpft man wahrscheinlich automatisch etwas ab. Trotzdem gibt es Nachrichten, die meinen Glauben an die Menschheit ins Wanken bringen.
Hitzefrei München
Eine solche Meldung war ein völlig ernsthafter Bericht im Bayerischen Rundfunk über die App Hitzefrei München (https://www.br.de/nachrichten/wissen/hitze-in-der-stadt-hilfe-schatten-trinkbrunnen,VQvvzPI). „Im Grunde zeigt die Karte an, wie man am schattigsten von A nach B kommt“, sagt in dem Bericht eine Nutzerin.

Erstaunlicherweise schaffe ich das ganz ohne App. Wenn ich bei Sommerhitze ins Ortszentrum muss, gehe ich im Schatten entlang dem Kalkbrünnerlbach und über den Roseweg, statt auf der Bahnhofstraße.
Schatten finden ohne App
Da könnte man einwenden, dass ich mich in Schondorf eben auskenne. Ich war aber auch schon im Sommer in München, Mailand oder Madrid unterwegs – und habe überlebt.

Es ist kein Hexenwerk: Am Morgen nimmt man besser die Ostseite einer Straße, nachmittags ist die Westseite schattiger. Außerdem sind enge Straßen weniger der Sonne ausgesetzt als breite Boulevards. Wenn man Mittags in Nord-Süd-Richtung unterwegs ist, hat man Pech gehabt.
Wenn es für diese Erkenntnis inzwischen eine App braucht, dann sehe ich schwarz für die Zukunft der abendländischen Zivilisation.
Die App im Test
Natürlich konnte ich nicht widerstehen, https://hitzefrei-muenchen.de/ einmal auszuprobieren. Spontan habe ich mir einen Weg vom Münchner Hauptbahnhof zu den Pinakotheken vorschlagen lassen.
Sehr überzeugend fand ich das Ergebnis nicht. Beispielsweise ist der Alte Botanische Garten in der Karte extra als kühlende Grünfläche markiert. Eine solche Grünfläche „sorgt an heißen Tagen (ab 30 °C) für bis zu 2,5 °C Abkühlung“, erklärt der zugeordnete Text.

Der berechnete Weg macht trotzdem einen Bogen um die Grünanlage und lotst mich über den Asphalt von Luisen- und Karlstraße. Vielleicht lauern in dem Park schlimmere Gefahren als ein Hitzschlag.
Kühlräume und Wasserquellen
Fairerweise muss ich sagen, dass Hitzefrei München mehr bietet als einen städtischen Routenplaner. Es sind auch kühle Innenräume, Toiletten und Trinkwasserquellen eingezeichnet. Einen großen Zusatznutzen sehe ich darin aber nicht. Dass man sich in Kirchen, Museen oder klimatisierten Kaufhäusern abkühlen kann, dürfte allgemein bekannt sein.

Trinkwasserbrunnen zeigt mir auch Google an und meine Wasserflasche kann ich am Waschbecken jeder öffentlichen Toilette füllen. In der Stadt ist das überhaupt kein Problem.
Bei meinen Radausflügen (Radtour auf dem Amperradweg) war das manchmal schwieriger. Mir hat aber noch absolut jedes Gasthaus die Trinkflasche aufgefüllt, wenn ich darum gebeten habe. In verschlafenen Ortschaften sind übrigens Friedhöfe ein sozusagen todsicherer Tipp. Da gibt es immer einen Brunnen. Es steht zwar meistens „Kein Trinkwasser“ drauf, aber ich habe das bislang schadlos überstanden.
Hitze in den Städten
Ich will damit nicht sagen, dass Hitze in den Städten kein Problem wäre. Beispielsweise wird man an vielen Haltestellen gnadenlos gegrillt während man auf den – oft verspäteten – Bus wartet. Da hilft Hitzefrei München aber auch nicht weiter, da braucht es bauliche Verbesserungen. Man kann eben nicht alle Probleme mit einer App lösen, auch wenn das gerade furchtbar schick und modern erscheint.