Doppelt so alt wie die Hunza

Das kleine „Skriptorium“ von Andreas Kloker in der Bahnhofstraße 38 ist immer für eine Überraschung gut (auch wenn die Süddeutsche Zeitung meint, die Schondorfer würden hier nur heimliche Blicke riskieren). Aktuell bringt mich eine Installation aus Medikamentenschachteln zum Nachdenken.

Das gesunde Leben

In einem Schrank liegen Hunderte oder Tausende leerer Medikamentenpackungen, säuberlich gesammelt in den Plastikschalen, in denen im Supermarkt Obst verkauft wird. Darunter ein Text von Susanne Sticker, der bestätigt, dass es tatsächlich Blisterverpackungen in Obstschalen sind. Am Ende steht der kryptische Satz: „Ich werde so alt wie das Volk der Hunza mal zwei“
Ich bin esoterisch ziemlich ungebildet, und musste die Hunza erst einmal googeln. Die Hunza oder Hunzukuc leben in einem abgelegenen Tal in Pakistan. 1942 veröffentlichte der Schweizer Ralph Bircher (Sohn des Erfinders des Bircher-Müslis) das Buch „Hunsa. Das Volk, das keine Krankheit kennt“. Eine Ernährung mit Rohkost, mineralreichem Wasser und einem speziellen Vollkornbrot würden zu außergewöhnlicher Langlebigkeit und Gesundheit führen. Hundertjährige bestellen munter ihre Felder und zeugen Kinder, und eine Lebenserwartung von 130 Jahren und mehr sei nicht außergewöhnlich. Dieses Gerücht von der Wunderernährung der Hunza hält sich bis heute. Soweit ich feststellen konnte, kam Bircher zu seinen Erkenntnissen, ohne selbst jemals in Pakistan gewesen zu sein.
Ich war auch noch nie in Pakistan, und kann die angebliche Gesundheit der Hunzukuc deshalb weder bestätigen noch widerlegen.

Unsere Wundermittel

Ich finde aber auffallende Parallelen zu den Versprechen der Pharmaindustrie. Auch diese erzählt uns gerne, dass alles gut wird, wenn wir nur das Richtige schlucken. Natürlich gibt es tatsächlich lebensverlängernde Medikamente und Therapien. Daneben gibt es aber auch eine Vielzahl von rezeptfreien Wundermittelchen.
Gerade jetzt, wenn die Grippe droht, werden diese jeden Abend zur besten Sendezeit im Fernsehen beworben. Mit den richtigen Tropfen oder Tabletten seien Husten, Schnupfen und Fieber wie weggeblasen, wird versprochen. Damit lässt sich gutes Geld verdienen, auch wenn Studien die Wirkung der Grippemittel sehr skeptisch beurteilen.
Ob Hunza Wasser oder Vitasprint, ob Aprikosenkerne oder Sanostol –  glauben wir nicht zu gerne das Versprechen, so gesund und vital zu werden wie die Hunzukuc?


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Kommentare

  1. Grippemittel … (finanziell nicht beeinflusste) Experten rate dringend da
    Die würden nicht nur nicht helfen, sonder nehme schon lange keine mehr.
    Allerdings war ich auch seit Ewigkeiten nicht mehr erkältet und meine letzte liegt viele Jahre zurück. Liegt vielleicht am Joggen, das ich bei jedem Wetter mache.
    Allerdings frage ich mich angesichts des Fotos, wo Andreas diese Mengen von Verpackungen her hat. Alle selbst geschluckt? Den Inhalt meine ich natürlich. Oder aus einem Krankenhaus?

    Und: Was ist die Botschaft seines Kunstwerks? So wie ich Andreas kennengelernt habe, geht die eher in die Richtung: Finger weg, als zum Gang in die Apotheke aufzufordern.

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