Freitag

Was man doch bei einem Spaziergang durch Schondorf nicht alles entdecken kann. Beispielsweise stößt man an unerwarteten Stellen öfters auf interessante Literatur (siehe Poesie in der Bahnhofstrasse). Bei einem Blick in den Schaukasten vom Stüssi-Haus am St.-Jakobs-Bergerl habe ich neulich erfahren, dass 1719 einer der berühmtesten Abenteuerromane aller Zeiten geschrieben wurde. 2019 feiern wir deshalb 300 Jahre Robinson Crusoe (Hier bei Timbooktu).

Freitag und Robinson

In meiner Jugend war das eines der Bücher für Jungs schlechthin. Ich weiß nicht, ob es heute noch als kindgerecht gilt und überhaupt gelesen wird. Daniel Defoe hat den Roman 1719 veröffentlicht. Der Originaltitel erklärt ziemlich ausführlich, worum es darin geht:

The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself.

(Man möchte fast meinen, Defoe hätte die heutige Suchmaschinenoptimierung vorausgeahnt, und deshalb alle relevanten Schlagwörter im Titel untergebracht.)

300 Jahre Robinson CrusoeDie Hauptfigur wird also nach einem Schiffbruch auf eine unbewohnte Insel verschlagen. Mit einigen vom Schiff geretteten Gegenständen beginnt er, das Land nutzbar zu machen. Er baut sich eine befestigte Hütte, züchtet Ziegen und baut Getreide an. Eines Tages kommt eine Gruppe Kannibalen auf die Insel, die hier ein Menschenopfer verzehren wollen. Robinson Crusoe rettet den Unglücklichen. Er nennt ihn Freitag, weil die dramatischen Ereignisse an einem Freitag stattfanden. Crusoe bringt ihm die englische Sprache und auch den christlichen Glauben bei.

Das ist natürlich eine zentrale Botschaft in dem Roman: Der weiße Mann, der Dank überlegener Intelligenz und Technik das wilde Land und die dort lebenden Wilden „zivilisiert“.

Robinson Crusoe HörspielplatteBei den Lesern kam das im 18. Jahrhundert ausgesprochen gut an, auch im deutschsprachigen Raum. In der Folge wurden reihenweise solche Robinsonaden geschrieben. Es erschienen ein schweizerischer, österreichischer und ungarischer Robinson, dazu ein Robinson aus Böhmen und ein Robinson der Oberösterreicher.

300 Jahre Robinson Crusoe

Diese Glorifizierung des Kolonialismus sieht man nicht erst seit heute kritisch. Schon für James Joyce war Crusoe die leibhaftige Verkörperung der britischen Kolonialherrschaft. In ihm stecke „der ganze angelsächsische Geist, die wirkungsvolle Intelligenz, die sexuelle Apathie, die praktische Religiosität und die berechnende Schweigsamkeit“.

1975 drehte Jack Gold den Film Freitag und Robinson. Der hält sich zwar größtenteils an die Originalgeschichte, karikiert aber die Vorstellung vom zivilisierten weißen Mann. Hauptdarsteller Peter O’Toole spielt einen von Rassismus und Missionseifer besessenen Europäer, der dem armen Freitag rücksichtslos seine Wertvorstellungen aufdrückt.

Der Traum vom Abenteuer

Spielschiff in Schondorf am AmmerseeEs waren eben andere Zeiten. Für Daniel Defoe war es eine Selbstverständlichkeit, dass der weiße Mann das Recht hatte, die Menschen in anderen Ländern nach seinen Vorstellungen umzuerziehen.

Was sich in 300 Jahre Robinson Crusoe nicht geändert hat, ist der Traum vom Abenteuer in der Wildnis. Wenn heute Kinder auf dem Schiff in der Schondorfer Seeanlage spielen, steckt sicher ein bisschen Crusoe in ihnen. Der Ammersee ist dann ein stürmisches Meer mit unbekannten Gefilden, die noch kein Mensch entdeckt hat.

 

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