Das kann doch nicht wahr sein

Meine Blogger-Kollegin Susanne Lücke hat neulich über den sichtbaren Insektenschwund in ihrem Garten geschrieben: http://susanne-luecke.de/2018/07/18/lockspeise-verschmaeht/. Letztes Jahr wurde noch über den Einsatz des umstrittenen Insektizides BTI am Ammersee nachgedacht (siehe: Wissenschaft und Wirtschaft). Heuer ist die Abwesenheit von Mücken oder Wespen im Garten so auffällig, dass ich sie schon unheimlich finde. Auch Zeitungen und Fernsehen berichten immer wieder, dass es in Deutschland fast 80% weniger Insekten gäbe. Manche denken sich bei dieser Meldung: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Ich auch.

Dünne Datenlage

Einige finden, dass nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf, und kritisieren die Datenerhebung. Beispielsweise sagte Bernhard Krüsken, Präsident des Deutschen Bauernverbandes: „Es gibt leider keine repräsentativen Untersuchungen oder belastbare Studien über Umfang und Ausmaß von Veränderungen des Insektenbestandes.“ (http://www.bauernverband.de/diskussion-zum-insektensterben-in-einer-wolke-der-unwissenheit). Der Mann hat leider Recht. Tatsächlich beziehen sich alle Meldungen zum Insektensterben auf die Zählung eines entomolgischen Vereins aus Krefeld. Die hatten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch Insektenfallen aufgestellt, und dabei einen dramatischen Rückgang festgestellt.

Hobbyforscher entdecken Insektensterben

Insektensterben: Weniger Hummeln
Eine Hummel. Mittlerweile leider ein seltener Anblick

Nun sind Insekten für das Leben auf diesem Planeten ausgesprochen wichtig, und ein Aussterben hätte für uns dramatische Folgen. Wir täten also gut daran, uns Gewissheit über die Lage zu verschaffen. Und was macht die Politik? Sie überlässt das Feld einer Handvoll Hobbyforschern aus Krefeld. Das ist der Punkt, an dem ich mir denke: „Das kann doch nicht wahr sein.“

Die alarmierenden Zahlen aus dem Orbroicher Bruch liegen schon seit 2013 vor. Seither ist anscheinend nichts geschehen, um deutschlandweit handfeste Daten zu bekommen. Weder Umweltministerin Svenja Schulze noch ihre Vorgängerin Barbara Hendricks haben es geschafft, eine großräumige Untersuchung auf den Weg zu bringen. Dabei wäre es so wichtig, das Insektensterben wissenschaftlich zu erfassen. Wie groß ist der Rückgang tatsächlich, gibt es regionale Unterschiede, hängen diese mit Landwirtschaft, Flächenverbrauch oder anderen Faktoren zusammen?

Wo sind die Wissenschaftler?

Jetzt verkündet das Umweltministerium, dass man den Krefelder Vereins weiter bis 2021 unterstützen will, und dafür € 150.000 zur Verfügung stellt: https://www.bmu.de/pressemitteilung/mehr-mittel-fuer-krefelder-forschung-zum-insektensterben-1/. 50.000 Euro pro Jahr, das zeigt schon, wie wichtig man das Thema in der Bundespolitik nimmt. Zum Vergleich: Das Umweltministerium hat ein Budget von über 5 Milliarden Euro (http://www.klimaretter.info/politik/nachricht/22320-hendricks-budget-auf-rekordkurs). Da werden mal schnell 1,6 Millionen für eine Kampagne mit neuen Bauernregeln ausgegeben („Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten“). Für die großflächige Erforschung des Insektensterbens ist aber anscheinend kein Geld da. Brauchst du Geld für einen Reim, spar‘ es bei der Forschung ein.

Fünf Jahre vertrödelt

An 67 deutschen Universitäten kann man Biologie studieren. Da könnte man doch mal ein paar Biologen auf das Thema ansetzen, anstatt sich auf Freizeitforscher zu verlassen. Man hätte nach den ersten Meldungen über das Insektensterben bundesweit ein engmaschiges Netz an Zählstationen aufbauen können. Dann hätten wir heute handfeste Daten über Umfang und mögliche Ursachen. Aber diese Zeit wurde vertrödelt, und wir sind nicht schlauer als 2013. Die geforderten „repräsentativen Untersuchungen und belastbaren Studien“ gibt es bis heute nicht. Es kann wirklich nicht wahr sein.

Kommentare

  1. Also, was Wespen betrifft, so kann ich mich dieses Jahr über mangelnde Anwesenheit nicht beklagen. Mücken allerdings hat es tatsächlich auffällig wenig.

    Dass es weniger Insekten gibt, hat vor allem auch damit zu tun, dass auf Wiesen nicht annähernd die Blumenvielfalt von früher zu finden ist. Ich kenne hier in der Umgebung eine einzige Wiese, wo Blumen zu sehen sind: hinter Schondorf rechts, die Wiese direkt vor dem Weg zum Wasserhäuschen (vom Ort kommend). Wo sollen Insekten also ihre Nahrung finden?

  2. Hallo, es ist gut, wenn das wissenschaftlich bearbeitet wird, aber ich meine auch, dass jeder seine eigenen Beobachtungen dazu aktivieren kann. Auffällig ist der nicht mehr auftretende Insektenverlust an Windschutzscheiben. Sind Autos heute dynamisch total anders ausgelegt, als früher? An Aussenbeleutungen ist es auch auffällig das Nachts kaum Insekten auftreten, ich will jetzt nicht sagen überhaupt nicht. Das mit den Mücken ist dies Jahr auffällig, bei uns konnte man letztes Jahr abends nicht im Garten sitzen! In diesem Sommer gibt es da kein Problem. Jemand hat behauptet, es läge an dem trockenen Frühjahr.

    • Leopold Ploner

      Das mit der Aerodynamik der Autos habe ich extra einmal nachgeschaut. Der cw-Wert meines jetzigen Autos ist nicht einmal 10% besser als der Wagen, den ich vor 20 Jahren fuhr. Daran kann es also nicht liegen, dass man heute weniger Insekten auf der Windschutzscheibe findet.

  3. Unser System hat sich leider längst daran gewöhnt, dass die meiste (professionelle) Forschung nicht vom Staat sondern von Industrie und privat beauftragt ist – entsprechend einseitig sind die Ergebnisse! Insekten haben keine Lobby, also wird nicht geforscht. Gerade der Bauernverband stellt sich als Interessensvertretung der Agrarchemie auf. Wir sind das Volk und wir müssen staatlich beauftragte, neutrale Forschungen in Sachen Natur, Nachhaltigkeit und Zukunft unserer Gesellschaft fordern. Schon Frederik Vester hat immer wieder darauf hingewisen, dass das Überleben einer Geselschaft (und damit auch der Wohlstand) direkt abängig sind und der Rate der Aufklärung, heute würden wir von „Transparenz“ sprechen. Diese gibt es aber bald gar nicht mehr, wenn alles Wissen bei uns von Unternehemnsinteressen anstelle von Gemeinwohlinteressen gesteuert ist.

    • Leopold Ploner

      Das ist doch eine Frage des politischen Willens, Frank. Wir haben genug Universitäten, an denen Zoologie/Entomologie gelehrt wird. Da könnte man die Wissenschaftler rekrutieren, um die Veränderung der Insektenpopulation landesweit zu erfassen und langfristig zu beobachten.

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