Kafka am Strand

Die Installation Treibgut von Anne Franke (https://www.annefranke.de/) ist Teil des Ammersee-Skulpturenwegs (http://ammersee-skulpturenweg.de/). Die beiden Schwemmholzstelen stehen in der Schondorfer Seeanlage. Als ich neulich daran vorbeikam, musste ich an Kafka denken. Allerdings nicht an den Roman Kafka am Strand von Haruki Murakami, sondern an eine Erzählung von Franz Kafka selbst.

Fragile Schwemmholzstelen

Im Gegensatz zu den robusten Metallskulpturen von Thomas Lenhart oder Gerhard Gerstberger (Skulpturenpfad für Verschwörungstheoretiker) ist das Treibgut eine fragile Konstruktion. Sturmböen und Vandalismus haben den Holzgeflechten schon öfters zugesetzt. Mal löst sich die Verschnürung, mal bricht einer der Äste ab, mal liegt einer der Holztürme am Boden.

Schwemmholzstelen in der seeanlage Schondorf

Sie scheinen schwach und schwankend zu sein. Wahrscheinlich haben sie mich deshalb an Kafka’s Erzählung Elf Söhne erinnert. Wie viele seiner Texte, ist sie mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben, obwohl ich sie vor fast vierzig Jahren gelesen habe. Über den elften Sohn heißt es dort:

Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen … Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondern etwas, das nur auf diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum Beispiel auch Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und Unbestimmtheit und Flattern ist?

Skulptur "Treibgut" am Ammersee SkulpturenwegNach oben strebend

Passt der Text nicht auch zur Skulptur Treibgut? Auch sie ist schwankend, weil sie nicht fest mit unserem Erdboden verbunden ist. Die Hölzer liegen nicht flach am Strand, wie man sie normalerweise sieht, sondern stehen senkrecht.

Anne Franke wollte dem Material bewußt eine neue Form geben, die so in der Natur nicht vorkommt. Damit wird die bizarre Schönheit der durch Wasser und Sand abgeschliffenen Schwemmhölzer neu sichtbar.

Das Holz liegt uns nicht zu Füßen, sondern begegnet uns auf Augenhöhe. Die verwobenen Äste schaffen so einen Rahmen für neue Blicke auf den See. Sie streben nach oben, haben nur wenig Verbindung zu unserem Erdboden, und das macht sie scheinbar schwach.

Aber ist das nicht immer so, wenn sich etwas oder jemand mit den gegebenen Verhältnissen nicht abfinden will? Wer hoch hinaus will hat wenig Bodenhaftung, wirkt oft schwankend und flatterhaft. Aber wie Kafka so schön schreibt, ist das „keine beschämende Schwäche“.

Gegen Ende des Jahres sollen die Schwemmholzstelen von Anne Franke anscheinend wieder abgebaut werden. Ich werde sie vermissen.

Kommentare

  1. Tausend Dank an Leopold Ploner für die wunderbaren Gedanken und Worte über meine Treibgut-Stelen! Ich könnte sie nicht treffender beschreiben. Danke auch für die schönen poetischen Fotos, die aufmerksame Beobachtung und die Wertschätzung!

    • Leopold Ploner

      Das freut mich, wenn ich auf diesem Weg ein bisschen was zurückgeben konnte, nachdem mir das Treibgut bei meinen Spaziergängen so oft eine Freude und Bereicherung ist. Ist es wahr, dass die Skulptur zum Jahresende abgebaut wird?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.