Wird alles immer schlimmer?

Das ganze letzte Jahr über hatten wir am Ammersee eine lebhafte Diskussion um Vandalismus und Sachbeschädigungen. Nun hat die Polizeiinspektion Dießen ihre Kriminalstatistik 2018 vorgestellt (https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/diessen-straftaten-gehen-zurueck-1.4381578). Entgegen dem verbreiteten Gefühl wird es nicht immer schlimmer. Im Gegenteil.

Dießen’s Kriminalstatistik 2018

Betrunkene Randalierer waren und sind ein Aufregerthema am Ammersee. Egal ob in Herrsching, Utting oder Schondorf, überall werden Lösungen gesucht, um dem Problem Herr zu werden. Das sieht man an den Diskussionen um das Sammersee-Festival (Mir hat geträumt) oder die Schondorfer Seeanlage (Stillsitzen erlaubt). Man möchte meinen, dass es die Randalierer so arg treiben wie noch nie, und dass das auch noch immer schlimmer wird.

Dass diese gefühlte Wahrheit nicht zu den objektiven Tatsachen passt, zeigt die Kriminalstatistik 2018 der Polizeiinspektion Dießen. Diese Dienststelle ist für die Gemeinden am Ammersee-Westufer zuständig. Sie hatte 2018 114 Fälle von Sachbeschädigung zu bearbeiten. Im Jahr davor waren es noch 157 gewesen. Das ist ein Rückgang von gut einem Viertel.

Kann man der Statistik trauen?

Nun bin ich generell vorsichtig bei solchen Meldungen. Die Anzahl der Fälle ist für eine seriöse Statistik eigentlich zu gering. Eine oder zwei aus dem Ruder gelaufene Partys am See sorgen dann schon dafür, dass es einen prozentual spektakulären Anstieg oder Rückgang gibt.

Statistik Sachbeschädigungen
Quelle: BKA PKS Jahrbuch 2017, Band 4, Seite 141

Allerdings passt die Kriminalstatistik 2018 der Dießener Polizei verblüffend gut zum deutschlandweiten Trend. Im Jahrbuch 2017 des Bundeskriminalamtes sind für verschiedene Delikte die langfristigen Entwicklungen nachzulesen. Vor zehn Jahren gab es in Deutschland noch rund 800.000 Fälle von Sachbeschädigung. Seither geht die Kurve kontinuierlich nach unten. 2017 waren es 25% weniger, nämlich etwa 600.000 Sachbeschädigungen. Es mag hier durchaus verschiedene Gründe und Erklärungen für diese Entwicklung geben. Jedenfalls zeigen die Zahlen, dass eben nicht alles immer schlimmer wird.

Kriminalstatistik 2018, Beschädigte Skulptur

Komasaufen

Ganz ähnlich sieht es beim Alkoholmissbrauch von Jugendlichen aus. Auch hier legen die Zeitungsmeldungen nahe, dass heute öfters bis zur Bewusstlosigkeit gebechert wird. Dafür hat sich der Begriff Komasaufen eingebürgert. Aber auch hier können die Zahlen das Gefühl nicht bestätigen.

Die Krankenkasse DAK hat 2017 eine Studie zum Thema Komasaufen vorgestellt (https://www.dak.de/dak/landes-themen/komasaufen-zahlen-bayern-1950440.html). Danach landeten in Bayern 4.392 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Das ist natürlich eine erschreckend hohe Zahl. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet sie aber einen Rückgang um 2,5%. Damit setzt sich ein längerfristiger Trend fort. Seit 2011 müssen Jahr für Jahr weniger Jugendliche wegen Alkoholvergiftung behandelt werden.

Ich will hier nichts beschönigen. Am besten sollten sich natürlich gar keine Jungs und Mädels um den Verstand trinken, und es sollten auch keine Autospiegel, Gullideckel oder Schaufenster demoliert werden. Wir sollten uns nur die objektiven Fakten genau anschauen, bevor wir die Welt schlecht reden und in blinden Aktionismus verfallen.

Kommentar

  1. Holger Emmert

    Hallo Herr Ploner,

    mit der Analyse des Auseinanderklaffens von Fakten alias Statistik und subektiven Gefühlen befinden Sie sich in bester Gesellschaft: es wird auch von dem renommierten Historiker Yuval Noah Harari in seinem letzten Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ thematisiert, aus einer anderen Perspektive.

    Harari belegt, dass Terroristen seit dem 11. September 2001 in der EU im Durchschnitt jährlich 50 Menschen getötet haben, weltweit bis zu 25.000. Er macht einen interessanten Vergleich und zeigt, dass im gleichen Zeitraum jährlich rund 80.000 Europäer und weltweit 1.250.000 Menschen durch Verkehrsunfälle ums Leben gekommen sind. Diabetes und übermäßiger Zuckerkonsum werden für bis zu 3.500.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich gemacht, und Luftverschmutzung für rund 7.000.000.

    Der Terrorismus ist also das deutlich kleinere tatsächliche Übel, auch wenn natürlich jedes Terroropfer eines zuviel ist. Tatsächlich aber hat er in der Politik den Blick auf Herausforderungen verstellt, die um den Faktor 100 größer sind. Mir wurde beim Lesen klar, wie leicht man sich doch von den Nachrichten und dem politischen Diskurs beeinflussen lässt.

    Ein Blick auf die nüchternen Zahlen in der Statistik hilft also grundsätzlich, Situationen und Herausforderungen besser einzuschätzen. Nein, ich bin kein Statistiker, der Werbung für sein Fach machen will ;-).

    Beste Grüße
    Holger Emmert

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