Ausstellung „wERDschätzung“

Ich habe das gemeinschaftliche Kunstprojekt wERDschätzung (www.werdschaetzung.de) von Anfang an interessiert verfolgt, und auch selbst einen Beitrag dafür erstellt (siehe wERDschätzung am Ammersee). Die gesammelten Einsendungen sind nun in einer Ausstellung im Naturfreundehaus Weilheim zu sehen, die durch die Vorgänge im Hambacher Forst eine große Aktualität bekommen hat. Der Künstler Frank Fischer war so nett, mich als Eröffnungsredner einzuladen. Hier meine Gedanken zu dieser Aktion unter dem Titel „Der Ermöglicher“.

Der Ermöglicher

Frank Fischer drängt sich nicht in den Vordergrund. Das sieht man auf der Einladung zu seiner Ausstellung im Naturfreundehaus Weilheim. Anders als auf den meisten Plakaten, steht der Name des Künstlers dort nur klein und unauffällig. Im Mittelpunkt steht das, worum es bei dieser Aktion geht: „wERDschätzung – Ein gemeinschaftliches Kunstprojekt für die Erde“. Frank Fischer will mit dieser Aktion nicht Kunst für andere, sondern mit anderen zusammen machen. Ein Ansatz, der spontan an Joseph Beuys und sein Konzept der „sozialen Plastik“ erinnert.

Frank Fischer in der Ausstellung wERDschätzung
Frank Fischer, der Initiator der wERDschätzung

Beuys‘ soziale Plastik

Allerdings ist Beuys damit eine recht einsame Erscheinung in den letzten 50 Jahren Kunstgeschichte. Die Kunstwelt – und der Kunstmarkt – wollen heute den Typus des lauten, egomanischen Genies. Unter den bekannten zeitgenössischen Künstlern fällt mir höchstens noch Theaster Gates aus Chicago ein, der Kunst als gemeinschaftliche Aufgabe begreift. Wie Gates, lässt auch Fischer die Menschen aktiv am künstlerischen Prozess teilhaben. Beide versuchen, dass der oder die Einzelne durch Kreativität die eigene Situation und Lebenswelt verändern kann. Beide nehmen sich zurück auf die Rollen des Ermöglichers und des Dokumentaristen.

Kreative Prozesse anstoßen

Als Ermöglicher stellt Frank Fischer die Werkzeuge und die Plattform zur Verfügung, um künstlerische Prozesse anzustoßen. Das Werkzeug ist in diesem Fall ein 1 mal 1 Meter großer Stoffrahmen. Den können sich Interessierte bei Fischer ausleihen, um damit ein Stück Erde einzurahmen. Ein bewusster Akt der Wertschätzung, so wie man einem besonders wertvollen Bild einen schönen Rahmen gibt. Vorgaben gibt es dazu keine. Die Aktion sollte nur in Photo oder Video festgehalten werden. Wer will, kann über seine Empfindungen und Eindrücke während der wERDschätzung berichten. (Hier das Video von mir: https://vimeo.com/281589954)

Kunstprojekt wERDschätzung in Schondorf am Ammersee
Ich bei meiner wERDschätzung

Man mag einwenden, dass Umweltschutz und Natur ohnehin in den Medien sehr präsent seien, gerade jetzt bei den Vorgängen im Hambacher Forst. Von allen Seiten wird die Wichtigkeit dieser Themen betont. Allerdings geschieht das oft nur auf einer sehr rationalen Ebene. Es ist auffällig, wie viel von Tonnen CO2 oder °C Temperaturanstieg die Rede ist. Für einen tiefen, seelisch empfundenen Zugang sind die Dimensionen vielleicht zu groß, wahrhaft übermenschlich groß.

Darum setzt Frank Fischer im Kleinen an: Nicht tausende Quadratkilometer Regenwald oder Polareis, sondern die homöopathisch kleine Einheit von nur einem Quadratmeter. Tatsächlich berichten viele Teilnehmer, dass durch die bewusste Auswahl eines so kleinen Stückes Erde, die Erfahrung der Naturzugehörigkeit tiefer und intensiver wurde.

Gemeinschaftliches Kunstprojekt wERDschätzung

Auch in seiner zweiten Rolle als Dokumentarist nimmt sich Frank Fischer sehr zurück. Er veröffentlicht die Einsendungen auf der Website www.wERDschätzung.de, ohne sie nach eigenen Kriterien zu filtern oder zu gewichten. Das Kunstprojekt wERDschätzung ist tatsächlich gemeinschaftlich, da jedem individuellen Beitrag die gleiche Wertigkeit zugestanden wird. Das ist auch bei der Ausstellung im Naturfreundehaus Weilheim so. Mit Wurzeln und Erde wurde ein Stück Natur in den Ausstellungsraum geholt, auf dem ein wERDschätzung-Rahmen liegt. Aus diesem Rahmen sind Fäden strahlenartig zur Decke gespannt, an denen 105 Photobeiträge einträchtig nebeneinander hängen.

Von Baum zu Baum

An den Wänden ringsum sind zehn großformatige Schwarzweiß-Photos platziert. Auf ihnen sind Menschen während ihrer Teilnahme an der Aktion abgebildet. Ansonsten hat Frank Fischer die Ausstellung nur behutsam mit eigenen Arbeiten ergänzt. Im Biergarten hinter dem Haus hat er seine Installation „Von Baum zu Baum“ aufgebaut. Zwei Bäume sind mit Baumwollband umwickelt und miteinander verbunden, so dass eine luftige Projektionsfläche entsteht. Hier zeigt Fischer eine Videoarbeit, welche die Kommunikation zwischen Bäumen visualisiert.

Vor dem Eingang zur Ausstellung ist ein Lichtrahmen auf den Boden projiziert. Hier kann sich jeder Besucher einmal selbst wertschätzend eingerahmt fühlen.

 

Ausstellung Kunstprojekt wERDschätzung

27. 9. bis 27. 10. 2018
jeweils Freitag bis Sonntag von 15:00 bis 19:00 Uhr
Naturfreundehaus Weilheim
Holzhofstrasse 36
Weilheim

Lichtprojektion im Naturfreundehaus Weilheim
Die Lichtprojektion „Von Baum zu Baum“

Kommentare

  1. Lieber Leopold, das hast Du sehr schön beschrieben. Das wERDschätzungs-Projekt und diese Ausstellung machen mich wirklcih glücklich. Seit der Vernissage scheint sich der Raum mit der Installation täglich weiter zu entfalten. Am 27. gibt es eine „Feier-Finissage“, wozu ich Dich herzlich einlade.

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